DIE BACKHAUSGEMEINSCHAFT
»HINTERLAND«

aus:
Geschichte und Kulturkunde des Dorfes Wallau an der Lahn,
Band 2, 1989, S. 334f

Die Sorge um das tägliche Brot ist so alt wie die Menschheit schlechthin. So entwickelten die Menschen seit jeher vielfältige Formen der Nahrungsmittelbeschaffung und -herstellung, um den Eigenbedarf zu decken. Ein seltenes Jubiläum feierte man am 23./24. September 1983 in Wallau: 100-jähriges Bestehen der Backhausgemeinschaft „Hinterland".
Das wichtigste unter einigen seltenen, noch erhaltenen Dokumenten, die der seit 1972 amtierende Vorsitzende Wilhelm Henkel (Mones) aufbewahrt, ist die „Backordnung für mehrere Ortsbürger der Gemeinde Wallau" vom 9. Dezember 1883. In Haar- und Grundstrich säuberlich niedergeschrieben, beinhaltet sie 17 Paragraphen, welche die Vorbereitungen und den Ablauf des Backens genau festhalten. Sie besitzen im großen und ganzen ihre Gültigkeit bis auf den heutigen Tag. Jene Bräuche hat Adolf Menges bereits in der ersten Wallauer Chronik beschrieben. Allerdings ist die mit der Erstellung der Backordnung verbundene Gründung der Backhausgemeinschaft nicht identisch mit der Gründung des Backhauses selbst. Immer wieder soll es Reibereien und Unstimmigkeiten unter den „Bäckern" gegeben haben. Ein zu dieser Zeit schon vorhandener Ofen war mittlerweile kaum noch zu gebrauchen, obgleich die Zahl der Dorfbewohner und damit auch die der Backhausbenutzer ständig stieg. Über 70 Haushalte buken ihr Brot im „Hennerland". Daher reifte der Entschluss, die überkommenen Gegebenheiten den neuen Verhältnissen anzupassen. Am 28. Januar 1884 wurde die Bauplanung für ein Backhaus vorgelegt. In der Aufstellung der abschließenden Berechnungskosten für das Ausheben der Fundamente heißt es: „33,39 cbm; hiervon gehen ab der Vorraum des alten Backhauses mit 3,39 cbm..." – Folglich existierte bereits vorher ein Backhaus an dieser Stelle. Ein weiteres Dokument aus dem Jahre 1912, unterzeichnet vom Amtgerichtsrat Fuchs, belegt, dass lange vor 1883 hier Brot gebacken worden war. Demnach wurde das Backhausgrundstück durch „Dekret" vom 22. Oktober 1842 ohne „Angabe eines Erwerbsgrundes" auf den Namen Heinrich Schmidt und Genossen beim Amtsgericht in Biedenkopf eingetragen und „legalisiert". Mit Sicherheit wurde damit – also bereits 1842 – Ordnung über eine bis dahin vertragslose Vereinbarung geschaffen. In der Folgezeit war eine weiter Umschreibung auf Heinrich Balzer und Consorten hinfällig geworden, sodass Amtsgerichtsrat Fuchs vorschlug, das Grundstück der politischen Gemeinde zu übertragen. Dieser Plan jedoch wurde nicht verwirklicht; denn am 25. März 1912 unterzeichnete Fuchs ein Protokoll, dem zufolge das Anwesen auf Georg Briel, Gastwirt, und Karl Berge, Holzhauermeister, überschrieben wurde. Am 3. September 1937 wurde es, notariell beglaubigt, schließlich doch der „Treuhandschaft" der Gemeinde übergeben.
Noch einmal zurück ins Jahr 1883: Nachdem Wegemeister Kipp aus Biedenkopf mit der Erstellung eines Bauplans beauftragt worden war, erhielt der damalige Vorsitzende der Gemeinschaft, Georg Briel, am 19. Februar 1884 den vom Landrat genehmigten Plan zurück, und man konnte ans Werk gehen. Nach Abschluß der Arbeiten betrug die Bausumme 1082,39 Goldmark. Sie bedeutete für jedes Mitglied eine Beitragsbeteiligung, die bis zu 75 Prozent eines Monatsverdienstes ausmachte; ein großes Opfer angesichts der Hungeijahre, das sich aber im Laufe der folgenden Jahre als segensreich erwies.
In einer außerordentlichen Generalversammlung vom 3. April 1937 wurde beschlossen, das Backhaus zu vergrößern. Der Umbau erfolgte ein Jahr später. Mit der Zeit bedurfte es immer wieder einiger Renovierungsarbeiten; doch entspricht der heutige Zustand weitgehend dem von 1938. Im Jahre 1959 entschloß man sich, künftig nur noch vierzehntägig zu backen. Das Wirtschaftswunder, sowie zunehmende Bequemlichkeit führten später schließlich dazu, den Backrythmus noch einmal zu verlängern, und zwar auf den Abstand von drei Wochen; denn fortschreitende Technik und wachsender Wohlstand ermöglichten es den Backhausbenutzern nun, frische Ware einzufrieren und vorrätig zu lagern. Noch heute backen etwa 25 Haushalte alle drei Wochen – Selbstverständlich nach Rezepten der Vorfahren. In den vergangenen Jahren konnte sogar ein ansteigender Trend hin zum Selberbacken registriert werden. Auch wenn sich die Zeiten und die Umstände ändern, die Methode des Backens ist dieselbe wie vor einhundert Jahren.
Natürlich verband man beim Backhaustreff das Nützliche mit dem Angenehmen: das gemeinsame Backen war gleichsam ein Stelldichein von höchstem Informationswert. Man teilte einander mit oder erfuhr, wer mit wem ein Verhältnis hatte oder in wessen Kuhstall sich Nachwuchs einzustellen anbahnte. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit wechselte so manche Neuigkeit den Besitzer. Wer ins Backhaus kam, war stets auf dem Laufenden. Das schwierigste Amt in der Backhausgeschichte hatte seit jeher der Ausloser; denn Tag und Reihenfolge beim Backen waren sehr begehrt. Es soll auch manchmal hoch hergegangen sein. Ein Orginal unter den Auslosern war „Antons Oma' die es, an Tricks kaum zu überbieten, immer wieder vermochte, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Reihenfolge „auszulosen". Wie sie es jeweils schaffte, war und bleibt ihr Geheimnis. Später wurde beschlossen, Los- und Heizamt miteinander zu verbinden. Dabei ist man auch geblieben.
Die Backhausgemeinschaft „Hinterland" freut sich gerade im Festjahr des 700-jährigen Jubiläums über die Möglichkeit, wie ehedem, nach altem Brauch einen Teil des leiblichen Wohles in eigener Regie und nach herkömmlichem Verfahren herzustellen. Getreu dem Motto: „Was Du ererbst von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!" bewahrt und führt sie die jahrhundertelange und doch bleibende Tradition Wallauer Backbrauchtums zum Wohle der Bürger und Nachfahren fort – als Aufgabe und Verpflichtung gleichermaßen.

(c) www.hinterländer-backhaus.de · Letzte Änderung: 07. Januar 2018