GESCHICHTLICHES ZUM BACKHAUSBRAUCH

aus Adolf Menges:
Geschichte und Kulturkunde des Dorfes Wallau an der Lahn,
Band 1, 1936, S. 111

Sieben selbständige Bäckermeister sorgen 1936 für die Backwaren, daneben bestehen noch zwei Backhäuser, die von Genossenschaften erbaut sind und von ihnen unterhalten und verwaltet werden. Über jedes der beiden Backhäuser ist ein Backhausverwalter gesetzt.

Die Backhäuser

Das eine Backhaus (heute: Backhausgrill) steht an der Ecke zwischen Fritz-Henkel-Straße und dem Hohlen Weg (heute Forsthausstraße), das andere (unser Hinterländer Backhaus) an dem Weifenbacher Weg, kurz bevor dieser auf die Hauptstraße stößt. Jeder der Genossen bezahlt in die Backhausgasse 1 RM. Die andern Leute, die auch im Backhaus mitbacken wollen, liefern 2 RM ab, und wer nur Kuchen backen will, muss 50 Pf. einzahlen.

Ausspielen der Reihenfolge

Die Reihenfolge des Backens wird am Tage vorher, nachdem die Elfuhrglocke geläutet hat, am Backhause herausgespielt. Dort versammeln sich die Backlustigen. Der Verwalter legt so viel Nummern ein, als Gruppen oder einzelne Leute vorhanden sind, und jeder zieht ein Los, auf dem steht, wann er an der Reihe ist. Der Verwalter stellt nun eine Liste der Reihenfolge nach auf, die dann im Backhaus hängt.

Anheizen

Im Sommer muss um sechs Uhr angehitzt werden, im Winter um sieben oder acht Uhr. Alle zwei bis drei Stunden kommt der Folgende an die Reihe. Vor und nach der festgesetzten Reihe darf nicht von andern gebacken werden. Das erste Los für Montagmorgen wird nicht verspielt. Das Anhitzen wird reihum bestimmt.

Kennzeichnen der Brote

Ein Brauch beim Brotbacken geht in die heidnische Zeit zurück. Hat die Frau den Teig angestellt, dass er gären kann, so vertieft sie ein Kreuz in den Teig. Das hat mit dem christlichen Kreuz nichts zu tun. Es ist das Sonnenkreuz uralter Tage, das dem Hause Glück bringen und die bösen Unholde abwehren sollte. Auch die geformten Laibe werden mit einem Kreuze vor den Hexen und bösen Geistern behütet.

Um eine Verwechslung der Brote zu vermeiden, werden sie mit der Gabel oder mit der Tasse oder mit einer Schüssel gezeichnet, oder man steckt ein Stück Holz in den geformten Brotteig.

Bestimmung der Temperatur

Um den Hitzegrad des geheizten Backofens, der mit dem „Kest“ ausgekratzt und mit dem feuchten „Wesch“ (Strohbündel) gereinigt wird, festzustellen, befestigt man an dem „Hahler“ drei leere Kornähren und fährt dreimal im Backofen umher. Wenn die Æhren schwarz werden, ist die Hitze zu groß, sind sie braun, kann nach kurzer Pause das Brot eingeschossen werden. Damit das Brot frischen Glanz erhält, werden die Brote nach viertelstündiger Pause Backzeit mit reinem Wasser angestrichen. Größte Reinlichkeit wird den Backhausbenutzern zur Pflicht gemacht.

Backen zu den Festtagen

Vor den Festtagen werden die Kuchenreihen ausgespielt; es werden immer neun Mann zusammengefasst. Die Frauen sind dann sehr geschäftig und in großer Sorge, ob die Kuchen geraten. Das Sprichwort hat recht:

„Wenn die Weiber waschen und backen,
dann haben sie den Teufel im Nacken.“

Dörrofen

Auf dem Backofen ist auch ein Dörrofen, dort werden die Kuchen hineingetragen, wenn sie noch gehen sollen. Es wird auch Obst und Flachs zum Dörren dort hingelegt. Ist eine Kartoffelbratpartie verregnet, werden Kartoffeln und Würstchen im Backhaus gebraten und im Wirtshaus verzehrt. Damit keine Kartoffel- oder Wurststückchen in der Kehle stecken bleiben, wird fleißig mit Schnaps und Bier nachgespült.

Selbsthilfe

Die Bäckermeister blicken etwas neidisch auf die Selbsthilfe in den Backhäusern. Die Selbstversorger sind gar stolz auf ihre selbstgebackenen Brote, die nach ihrer Meinung mehr sättigen als die Bäckerbrote und vor allem ein billigeres Nahrungsmittel sind. Darum werden die Backhäuser weiter rauchen und dort sich ein eigenartiges Stück Gemeinschaftsleben vollziehen.

(c) www.hinterländer-backhaus.de · Letzte Änderung: 05. Juni 2011